Die Nabelschnur - eben las ich nochmal die Geschichte von den Zwillingen im Mutterleib und mir fiel ein, dass die Sondenkost der Pflegebedürftigen auch durch eine Nabelschnur zugeführt wird.
Gewitter und die verlorenen Schlüssel - Heute wollte ich gleich den ersten Eingang benutzen und nicht durch den Innenhof gehen. Vor diesem Eingang saß eine Bewohnerin auf ihrem Rollatorsitz. Vor ihr kniete ein junger Mann, der in ihren Taschen nach ihren Schlüsseln suchte. Huch? Ja, ehrlich - Sie können mich durchsuchen, sprach er, ich hatte der Dame meine Jacke gegeben, wegen des starken Regens und sie nur zum Heim begleitet. Aber jetzt sind ihre Schlüssel weg. Plötzlich fischte er die Schlüssel aus einer Jackentasche, zusammen mit drei Euro. Na, Gott sei Dank. Die drei Euro sollte er zum Dank für die Begleitung behalten. Er freute sich. Denn er war Hartz IV Empfänger und entsprechend knapp dran zum Ende des Monats. Die Dame wollte ihn auch gerne zu einer Tasse Kaffee einladen. Aber er musste noch ganz nach Lübeck, mit seinem Fahrrad und schwang sich auf selbiges, um mit leuchtenden Augen davon zu fahren.
Eine Vertretung - eine Vertretung wurde angekündigt. Leider ging ihr kein guter Ruf voraus. Der Urinbeutel war voll und sie wollte ihn erst bei der nächsten Lagerung leeren. Es gab wieder Fälle im Haus, wo "Vermummung" erforderlich war und sowohl Wäsche als auch Müll getrennt entsorgt werden müssen. Irgendwie konnte diese Vorsichtsmaßnahme aber nicht landen. Heute erging ihr Befehl: "nun machen Sie mal das andere Auge auf, was soll das denn." Das ist eine leere Augenhöhle. Meine Mutter blieb gelassen: den Gefallen wird er ihnen nicht tun können. Das Auge hat er im Krieg verloren.
So wenig Personal - Oh, Mann, mit so wenig Personal müssen die Pflegeheime auskommen. Am Freitag sollte der Urologe einen neuen Blasenkatheter legen, hat er aber nicht. Trotz dicker Verpackung schwimmt das Bett davon. Außerdem fing das Röcheln wieder an, der Schleim sollte abgesaugt werden, es kam ein Notfall dazwischen und verhinderte das. Die Bewohnerin von schräg gegenüber rollt in die Zimmer und beschimpft alle aufs heftigste. Die Schwester muss überall die Medizin verteilen und gleichzeitig bei einigen noch das Essen anreichen. Meine Mutter sitzt von halb drei bis um sechs am Bett, hält Händchen und hilft und tut was sie kann. Ihr lieben Engel, bitte unterstützt die Betroffenen. Danke.
Personen, Distanzieren und Distanz - Helfen wo man kann ist Pflicht. (Kant)
Wenn eine Person eine Person ist, dann kann man sich, weil die Person eine Person
ist, nicht von der Person distanzieren. Distanz ist eine innere Haltung der Höflichkeit.
Werwolfgewalt in seinen alltäglichen
Verhältnissen ist immer Apokayptischer Pfusch.
Man hilft anderen im Alltag wie es einem begegnet
und dann hat der Tag 24 Stunden
und wenn man kollabiert und physisch
zusammenbricht, dann kann man über etwas mehr Pausen nachdenken. Helfen ist keine Frage, das muß man willentlich mit seiner eigenen
Energie und zwar mit aller Energie anfassen. Die Frage ist, was man kann und was man nicht kann, ohne dabei auf oberflächliche Mystik (Gefühl!)
hereinzufallen. Gefühl ist für die Reflexion (mit x) da und nicht für das
Sozialverhalten.
Dukkha/Verhaftetsein - wenn man in seinem Alltag an Dingen verhaftet und so nicht sein Leben mittels Tugend beherrscht, kann man nicht die Dinge von anderen Personen wahrnehmen, weil es man es schlicht nicht können kann. Moralische Aussagen über anderen Personen muß man sich dann entheben. Man spricht immer zur Sache und nie zur Person. Statt des Namen sagt man: Dieser Sachverhalt hat dieses Dasein und jene Lösung. Und kann dann dabei nicht anders als an den bestimmten Sachverhalt zu denken. Den bestimmten Sachverhalt hält man aber esoterisch und entzieht so den Problemen auf der anderen Seite die Energie.
"Hände die helfen sind wertvoller als Lippen die beten." (by Satya Sai Baba)
Am Sonntag war Kampftag. Das Zimmer liegt am Ende
des Flurs und da verteidigt Bewohnerin Frau B. ihr Revier. Sie mag ihren den Zimmernachbarn nicht und
sobald er aus der Tür tritt, erlebt er sein blaues Wunder. Ich hörte das Brüllen schon im Treppenhaus
und dachte zunächst an HSV-Fans auf der Straße. Der Klügere gab nach, in diesem
Falle der neue Zimmernachbar. Mit einem verschmitzten Lächeln rief er Frau B.
im Weggehen noch zu: ich finde sie trotzdem sehr süß.
(1.5.2011)
Samstag beim Einkauf sah alles nach Umbruch
aus. Eine große Leiter und zwei Arbeiter, überall rote Schildchen mit Sonderpreisen und eigentlich nur eine weitere Kundin, aber wir machten immer an der selben
Stelle Halt. Mal umrundete sie mich und mal umrundete ich sie und als ich zum Schluss nicht
vorbeikommen konnte, lachten wir und sie zeigte mir ihren Einkaufskorb mit der
Bemerkung: "alles für meine Mutter. Sie liegt im Heim und ich muss auf die
Preise achten, aber hier ist es sehr günstig."
Und dann erzählte sie mir die ganze Geschichte, wie ihre Mutter zuletzt nicht
mehr konnte und dann im Heim bleiben wollte, noch einen Schlaganfall bekam und jetzt auf
den Rollstuhl angewiesen sei. Ich war so baff und immer kurz davor, von unserem Fall zu berichten, aber nein,
das passte nicht. Die Sache war rund, so wie es war - wir wünschten uns alles Gute und gingen
unserer Wege. (30.4.2011)
Rettungswagenfahrer sind keine Heiligen, sondern auch nur Menschen mit den üblichen Stärken und Schwächen. Wir hatten mal den Fall, dass wir ein etwas entfernteres Krankenhaus ansteuern wollten, weil da kurz zuvor die Magensonde gelegt worden war. Oha, der Fahrer war sauer und fuhr über sämtliche Hindernisse, die er finden konnte. Und gestern? Da überquerten wir eine breite Straße bei grüner Fußgängerampel und rechts auf unserer Höhe gaben plötzlich zwei Rettungswagen Gas, als wollten sie sich selber einen Einsatz verschaffen, indem sie uns über den Haufen fahren würden. Das Blaulicht wurde aufgedreht, so laut wie ich das noch nie zuvor vernommen hatte (wohlgemerkt - sie steuerten geradewegs auf eine Rollatorfahrerin zu, die ich begleiten durfte).
Zuwenig Personal - die Personalbemessung wird immer knapper. Frau Nachbarin aus dem Nebenzimmer wartete immer noch auf ihre Spritze, die sie eigentlich vor dem Abendbrot bekommen sollte, aber ihr Abendbrot war längst aufgegessen. Sie rollte ins Schwesternzimmer und wir hörten, wie sie sagte: wenn ich sterbe, klingel ich aber.
Das Ende des Lebens ist auch Leben - In dem Bestseller "Der alte König in seinem Exil" verarbeitet Arno Geiger die Alzheimererkrankung seines Vaters. Zitat: Die strahlenden Gesichter, die sind für ihn wichtig. Über die Jahre haben wir gelernt, dass weiterhin etwas wie Normalität möglich ist. Und auch Glücksmomente.
Am Montag - Es hatte tagelang geregnet,
aber plötzlich schien die Sonne und in einem Vorgarten sahen wir einen
leuchtenden Busch, der war voll erblüht mit diesen zarten gelben
Filigranblüten ... von einer Zaubernuss? Im Innenhof des Heims
rollte eine Bewohnerin ganz aufgeregt auf uns zu und zeigte uns einen
Busch, an dem sich schon die ersten Kätzchen zeigten. Wie kann das sein ? Nach
tagelangem Regen ohne Sonne. Meine Mutter wusste warum: weil sie soviel
getrunken hatten, hihi ... jedenfalls kam mir die Erleuchtung. So wie
diese Bewohnerin sollte man durchs Leben gehen, mit freudigen und offenen
Augen, was braucht es mehr?
Ein Absturz - überm Bett hing diesen Winter Rudolf mit der roten Nase. Den hatten wir mal aus Berlin mitgebracht. Aber eine Schwester "beschwerte" sich scherzhaft: solange Rudolf da noch hinge, könne es keinen Frühling geben. In einem Lotto und Zeitungsladen unserer Wahl suchten wir einige Zeit bei den Schlüsselanhängern nach einem passenden Tierchen und entdeckten u.a. einen Teddy, der ein rotes Herz hielt, aber es sollte lieber der rote Glückskäfer sein. Ich wollte den Teddy dann für mich nehmen, hab beides geschnappt und ging zur Kasse. Das ergab einen Absturz - sowohl die elektronische Kasse, als auch der Lotto-Computer stürzten in dem Moment ab und der Kassierer musste für beides einen Neustart machen.
Das Taschengeldkonto - da holen sich z.B. Friseur, Fußpflege oder der Apothekenlieferant ihr Geld. Von Zeit zu Zeit gingen wir ins Büro, um den Kontostand zu erfragen und Geld einzuzahlen. In letzter Zeit gab es Probleme, teilweise bedingt durch einen Namensvetter, was einige Male zu Verwechslungen führte. Und teilweise durch einen Personalwechsel. Zuletzt waren wir Stammgäste im Büro, wegen fehlender Zahlungsbeläge. Neulich erhielten wir die rote Karte, die festen Sprechzeiten wollten berücksichtig werden. Eine Stunde morgens und eine Stunde mittags. Auweia! Aber inzwischen konnte alles geklärt werden.
* Heute sahen wir im Innenhof des Heims einen Pfleger mit einem Bewohner auf vier Beinen Gassi gehen. Der Hund gehört einer Bewohnerin, die neulich auf der Pflegestation eingeliefert wurde. Er ist schon alt und bekommt auch seine Tabletten und hat einen richtigen Vertrag mit dem Heim. Und das Pflegepersonal ist verpflichtet, mit dem Hund Gassi zu gehen. Wau ! * Die Pullover und T-Shirts wurden so nach und nach hinten aufgeschnitten, um dem Pflegepersonal das An- und Ausziehen der Pflegebedürftigen zu erleichtern. Der blanke Rücken auf dem kalten Laken? Kann das auf Dauer gutgehen? Und wenn er auf der Seite liegt? Dann leuchtet das blanke Fell. Amen. Mein Gedanke neulich: die kleinen Puppenmütter lernen schon das mühsame An- und Ausziehen von reglos daliegenden Gestalten. * Auf unserem Heim-Weg hörte ich heute ein spezielles
Geräusch, schnell stehengeblieben und mit Argusaugen umhergeblickt -
tatsächlich: ein Eichhörnchen! Nein, sogar zwei und sogar total dunkle,
fast schwarze. Und sie spielten Fangen, indem sie spiralförmig den Baum
rauf und runter rasten. Das sah aus wie eine Ballettvorführung und ließ
mein Herz höher schlagen ... * am Montag entdeckten wir wieder den Abdruck einer Hand, wie wir ihn von Maitreya kennen. Diesmal war er außen an der Zimmertür. Vor längerer Zeit war mal ein Abdruck an der Schranktür und später an der Fahrstuhltür. *schauder*
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Igel oder Katze? Als wir heute zur Pforte kamen, stand da ein Heimbewohner im Rollstuhl
und neben ihm hockte eine Begleitperson. Möchten Sie hier durch oder an
uns vorbei? wurden wir gefragt. Während wir durchgingen wurde der
Heimbewohner dann befragt: wollen wir gleich Schach spielen? Später,
erstmal sollten die Fingernägel gemacht werden. So rollten wir dann gemeinsam durch den Innenhof. Da ich den Schlüssel für die Glastür hatte, ging ich vorweg und sah ganz hinten ein Tier über den Rasen huschen. Etwa eine Ratte? Nein, ein Igel. Boh, der war aber groß und hatte es sehr eilig. Die Begleitperson wagte zu behaupten, der Igel sei so groß wie eine Katze. Schnell nochmal umgedreht ... tatsächlich, die Begleitperson hatte auch eine Igel-Frisur.
* Am Sonntag wollte eine Besucherin einen Waschlappen haben, um ihrem
Angehörigen ein wenig Kühlung zu verschaffen. Es gab keine
Waschlappen mehr, nur noch Handtücher. Aber heute hatte die
Pflegekraft extra einen nassen Waschlappen hingelegt, damit meine
Mutter zwischendurch mal für Erfrischung sorgen konnte.
* Allgemeiner Unmut. Strenge Unterscheidung zwischen Examinierten und Nicht-Examinierten. Das, was die Nicht-Examinierten früher alles selbstverständlich mitgemacht haben, dürfen sie jetzt nicht mehr selbstverständlich mitmachen. Der Status einer Hilfskraft wird damit aufs empfindlichste unterstrichen.
* Gestern war irgendwas Größeres im Gange. Wir wissen nicht genau, ob es eine
routinemäßige Kontrolle war. Es kam uns wie eine Razzia
vor. Überall wuselten Unbekannte in den Gängen und Zimmern, machten
sich Notizen, räumten was um und stellten Fragen. Es gab sogar eine fristlose
Kündigung. Am nächsten Tag sollte es noch weiter gehen. Wow, es tut sich was.
* Neulich bemerkten wir, dass an der
Fahrstuhltür zwei Handabdrücke prangten. Aber die Finger zeigten nach unten. Genau solche Abdrücke waren auch
im Zimmer am Schrank, wie wir dann erfuhren.
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Es ist schön hier - Wir fuhren mit einer Heimbewohnerin im Fahrstuhl. Sie
strahlte uns an und sagte: es ist schön hier. Meine Mutter
daraufhin: aber draußen ist es zu heiß. Es war aber gar nicht der
kühle Fahrstuhl gemeint, sondern, dass es im Heim so schön sei. Es
gäbe ja immer welche, die was zu meckern hätten - aber wer weiß, wie
es bei denen zu Hause aussah.
Über den Dächern - Gestern gab`s die volle Dröhnung. Vor unserem Zimmer kletterte ein Mann aufs Dach und wollte
runterspringen. Das Zimmer liegt im 1. Stock mit einer Art
Balkontür, es gibt keine einzelnen Balkons, sondern eine durchgehende Fläche
vor sämtlichen Zimmern. Flink wie ein Wiesel zog der Mann einen
Balkontisch an das höher gelegene Vordach und kletterte hoch, stolperte dann aber mehrfach
über eine quer gespannte elektrische Leitung.
Meine Mutter holte Hilfe
und ein Pfleger kam sofort und kletterte auch aufs Dach, aber als der Mann
ihn sah, stieg er auf ein zweites noch höher gelegenes Dach. Der Pfleger
folgte ihm und hielt ihn fest, er war schon wieder hingefallen. Dann
sollte Polizei und Feuerwehr gerufen werden. Der Flüchtling
forderte bestimmte Leute bei Polizei und Feuerwehr an, die würden ihn schon
kennen.
Erstmal kam die Pflegedienstleiterin mit einem weiteren Pfleger, die lösten den ersten Pfleger ab und beruhigten den Flüchtling und
brachten ihn dazu, mit ihnen zu kommen, runter von den Dächern und in sein
Zimmer. Als der erste Pfleger gefragt
wurde, wie denn das passieren konnte, winkte er ab, er wisse von nichts,
sie sollten meine Mutter fragen.
Einen
Platten - Heute kurz vorm Heim auf der Holzbrücke, die über
den kleinen Bach im Gutspark führt: erst versperrte eine alte Dame
samt Rollator den Weg, dann kam plötzlich ein Passant mit einem wild
an der Leine ziehenden Hund auf uns zu. Sein Fahrrad lehnte am
Brückengeländer - es hatte einen Platten. Der Hund bellte wie
verrückt den Rollator an.
Der Passant erklärte der Dame, dass sein
Hund sowas nicht kenne und der würde sowieso grad etwas verrückt
spielen, weil der Reifen so laut geplatzt war. Der Hund hatte sich so sehr
erschrocken und war weggelaufen. Der Passant schnappte sein
Fahrrad, um es nach Haus zu schieben - der Hund zerrte mächtig an der
Leine, sah sich aber immer wieder nach dem bösen Rollator um. Die
Dame kommentierte das Ganze so: wer sein Rad liebt, der schiebt.
Das Thema Demenz - es gab auch mal Abende für die Angehörigen - das ist aber schon lange
her. Auf einem dieser Abende hörten wir einen Vortrag zum Thema
Demenz. Ich hatte mir anschließend Notizen gemacht und bin wieder über
diese Notizen gestolpert: Klar haben sie mit ihrer Vergesslichkeit zu "kämpfen". Zumal wenn ihre Umwelt,
bzw. ihre Angehörigen meinen, sie müssten Gedächtnistraining mit ihnen
veranstalten. Dann merken die Demenzkranken, dass sie überfordert sind und
leiden darunter. Daher ist es so wichtig, ihnen möglichst angenehme Situationen
zu verschaffen und z.B. nicht zu fragen, was sie denn zu Mittag aßen, denn das
können sie nicht erinnern.
Sehr gerne behaupten die Demenzkranken, man
habe sie bestohlen, wenn sie ihre Sachen nicht wiederfinden. Dann ist es
taktisch klug, den Spieß umzudrehen und quasi selber zuzugeben, man sei so
zerstreut und habe vergessen, wo man die Sachen abgelegt hätte, um dann die
Hilfe des Anklägers in Anspruch zu nehmen, der dann sogar gerne beim Suchen
hilft. Der Vortrag wurde von einem Arzt gehalten, der zwar in den Ruhestand
gegangen ist, aber immer noch Demenzkranke betreut. Und dann war da noch die
Geschichte mit den Champagnertrüffeln ...
Der Geschmackssinn
funktioniert bei alten Leuten nicht mehr richtig. Alles hat eher einen bitteren
Geschmack. Und sie würden unmerklich verhungern, da ihnen nichts mehr richtig
schmeckt. Die Speichelbildung hat extrem nachgelassen und die Nahrung bildet im
Mund eine einzige trockene Masse. Eine Ausnahme sind Torten und Süßigkeiten. Der
besagte Arzt nimmt immer Champagnertrüffel zum Verteilen mit. Die werden von
allen sehr gern gegessen!
Die Demenzkranken fühlen sich "sauwohl", weil sie denken,
dass sie so ca. 25 Jahre alt sind. Sie leben nach dem Lustprinzip, völlig
enthemmt. Sie vergessen alles, sind daher nicht nachtragend und machen sich
keine Sorgen um irgendwelche Konsequenzen ihres Tuns und ihrer Handlungen.
Eigentlich müssten die Angehörigen therapiert werden, weil sie nicht
damit fertig werden, dass es plötzlich so ist, wie es ist. Man sollte den
Demenzkranken einfach ganz viel erzählen, ihnen quasi sein Herz ausschütten,
dann fühlen sie sich kompetent, als würden sie noch gebraucht werden und sie
versuchen, den "Gesunden" zu helfen. (und man würde gleichzeitig das Geld für
den Therapeuten sparen, hihi ...)
Die Leute fragen immer, ist es schon Alzheimer
oder ist es nur Demenz? Dabei verhält es sich umgekehrt: Alzheimer ist nur eine
von vielen körperlichen Ursachen für die Demenz. Die Demenz bildet quasi das
Schlusslicht. (Ende meiner Vortragserinnerungen)
Im Innenhof - Heute Abend war ich
etwas spät dran und hab die Abkürzung durch den Innenhof genommen. Beim
Magnolienbaum wurde ich jäh gebremst, weil ein großer Rabe auf dem
Papierkorbrand balancierte. Ich blieb natürlich stehen - bei Raben
muss man einfach stehen bleiben und innerlich "meine Verehrung"
murmeln. ISSO.
Obwohl er mir den Rücken zukehrte und ich auf
leisen Sohlen angekommen war, merkte er wohl doch meine Anwesenheit
und drehte sich ein wenig zu mir, um dann abzulassen vom Papierkorb
und auf den Rasen zu hüpfen und dort im Gras zu picken, als wäre er
nie beim Papierkorb gewesen.
dumdidum ...
Als ich dann im
Zimmer im ersten Stock angelangt war, sahen wir den großen Raben in
der wunderschönen Rotbuche sitzen. Zwei Äste weiter saß ein
Eichelhäher, der aber plötzlich von einem zweiten Raben verscheucht
wurde. Komisch, im Innenhof haben wir noch nie einen Raben gesehen, aber
heute gleich zwei von ihnen.
* Eine Zeitlang sah ich regelmäßig einen Bewohner in einem geöffneten Zimmer sitzen, wobei ich zunächst dachte, er wäre auch immer grad zu Besuch da. Wie wir jetzt erfuhren, war er aus einem Hospiz eingeliefert worden. Es gibt eine Zeitbegrenzung - die Patienten werden dort nur für ein halbes Jahr aufgenommen. Neulich wollte meine Mutter grad Geschirr wegbringen, als gleichzeitig ein Sarg gebracht wurde. Der Bewohner war gestorben (mit 60 Jahren an Krebs).
* Heute stand ich etwas neben mir und begleitete meine Mutter mit
einer gewissen Weltuntergangsstimmung ins Heim. Unterwegs und im Heim
hatten wir aber einige erbauliche Begegnungen und auf meinem Rückweg
ging das so weiter und mir fiel der Tipp des Tages ein: Während
man sich um seine Mitmenschen kümmert, vergisst man seinen eigenen
Kummer.
* Eines Tages wurde mal die Idee eines Himmels in die Tat umgesetzt, weil mein Vater auffallend oft und intensiv zur
Decke schaut. Ein blaues Tuch wurde mit Pflasterstreifen an der
Zimmerdecke befestigt. Es hielt nur kurze Zeit und jetzt sieht man noch die vielen Pflasterstreifen an
der Zimmerdecke. Aber er braucht keinen
äußeren Himmel mehr,
er hat schon längst seinen inneren Himmel
gefunden,
so glückselig schaut er nach oben, als wären dort
die schönsten Wesenheiten,
die man sich nur vorstellen kann. * Schade, dass es keinen festangestellten Gärtner mehr gibt. In größeren Abständen kommt eine Fremdfirma. So blieb der abgebrochene Ast im Baum hängen, lag die tote Taube über eine Woche im Beet beim Seiteneingang und wird die große Blumenschale wohl erst nach den Eisheiligen von den lange verroteten Pflanzen befreit. - Den abgebrochenen Ast hab ich dann selbst aus dem Baum
befreit und die tote Taube an der Rezeption beanstandet. Als ich an die
Blumenschale ging, um zu prüfen, wie fest das Verwelkte noch sitzt und
ob man es vielleicht im Vorbeigehen so nach und nach entfernen könne,
hat die Frau Mama ihr Veto eingelegt. Wie sieht das denn aus, wenn Du
hier rumwühlst? * Einmal saß ich etwas zusammengesunken hinter dem Bett meines Vaters und eine Schwester brachte das Abendbrot. Sie fragte, ob der junge Mann auch einen Tee haben möchte. Das ist doch meine Tochter - war die prompte Antwort meiner Mutter. Oh, das hatte gesessen! Wurde diese Schwester als Kind doch selbst mal für einen Jungen gehalten, obwohl sie einen Rock anhatte. Das fand sie so furchtbar und sie kann das auch gar nicht vergessen. Und dann sowas! Und das ausgerechnet ihr.
* Wir landen immer gegen Ende der Mittagsruhe im Heim. Bislang waren wir dann fast die einzigsten auf dem Gelände. Wenn die Wintersonne schien, traute sich eine Dame im Rollstuhl in den Innenhof, um sowohl die Sonne als auch uns anzustrahlen. Die letzten milden Frühlingstage haben noch mehr Heimbewohner hervorgelockt. Das ist gut. Es geht bergauf!
* Kommentar: Heimgeschichten sind keine
Einbildung. Heimgeschichten sind eine Frage der Existenz und wollen
bearbeitet werden. (by Onkel Sim)
* Leben mit Demenz - das Pflegeheim Sonnweid bei Zürich gilt als eine der besten
Demenz-Einrichtungen weltweit.
* Die Kunst des Anreichens. Das Füttern wird im Heim "Anreichen"
genannt. Meine Mutter ließ es sich nicht nehmen, das immer selber
zu machen. Als sie letztes Jahr plötzlich ins Krankenhaus musste, bat
sie mich, das für sie zu übernehmen. Es ist eine hohe Kunst und erfordert
sehr viel Geduld, wie bei den Babys - das hatte ich damals schon
fast vergessen. Mein Vater behielt jeden Bissen lange im Mund, um
ihn ganz genüßlich immer wieder zu wenden. Wenn ich mich in Ruhe
darauf einließ, war es wie eine Meditation ...
* Es gibt einen dunkelhäutigen Ausbildungsleiter im Heim, der selber
oft mit anpackt, wenn Not an Mann ist. Eines Tages erzählte er meiner Mutter: Ihr Mann wäre der einzige im Heim, der ihn immer
anstrahlt. Wir waren so baff! Welch eine Wandlung! Mein
Vater mochte sein Leben lang keine Ausländer und manchmal setzte er
sich in Bus und Bahn sogar woanders hin, wenn ein Ausländer sich zu
ihm setzen wollte. Mann, was hab ich immer gelitten, wenn ich
dabei war. Manchmal dachte ich, ich könnte ihm alles verzeihen, aber
das könnte ich ihm niemals verzeihen.
* Auch wenn jemand offensichtlich regelmäßig aus dem Bett fällt, darf
nicht so ohne weiteres ein Schutzgitter angebracht werden. Das
erfordert erstmal eine Genehmigung vom Amtsgericht. Und wenn die
Heimbewohner zwischendurch ins Krankenhaus eingeliefert werden, muss
man wirklich drauf bestehen, dass ein Gitter angebracht wird. Wenn
das ohne die Genehmigung gemacht würde, wäre das strafbar -
Freiheitsberaubung.
Dabei ist das Gitter gar nicht hoch, es fällt
einem nicht als eine Freiheitsberaubung auf. Wenn ein kranker Mensch
plötzlich Kräfte entwickelte, könnte er da wahrscheinlich noch
drüberkrabbeln. - Am schlimmsten war es nachts, da fiel mein
Vater zuletzt schon in der Wohnung regelmäßig aus dem Bett. Und bis
die Genehmigung endlich da war, fiel er auch im Heim und im Krankenhaus
weiterhin raus. Als einzige Vorsichtsmaßnahme lag immer eine Matratze
am Boden.
* Das größte Problem ist dieser Urinbeutel, der da gut sichtbar am Bett
hängt. Als wir noch mit dem Rollstuhl raus konnten, wurde der Beutel
im Hosenbein versteckt. Es gibt Schwestern und Pfleger, die können
den Beutel leeren, als wär das nix. Dann gibt es welche, die können
das einfach nicht und der Beutel droht irgendwann zu platzen. Eine
Schwester kam zwar immer rein und zeigte ihren guten Willen, aber
sobald die Gerüche ihr entgegenströmten, rannte sie raus - es sah so
aus, als müsse sie sich übergeben.
* Heute sahen wir eine Bewohnerin und ihren Sohn, wie sie Arm in Arm
ganz langsam den Flur entlanggingen. Eine Schwester kam hinzu und
sprach den Sohn an. Er sollte nicht zu lange mit seiner Mutter auf
und ab gehen. Das würde ihr Schmerzen bereiten, aber sie mag das dem Sohn
nicht sagen. Sie erzählt es abends nur den Schwestern.
* Im Laufe von acht Jahren haben wir schon viele verschiedene
Mitarbeiter/innen dort erlebt und immer wieder Zeitarbeiter und
Lehrlinge nur für kurze Zeitabschnitte. Inzwischen weiß man auch,
wer mit wem gut kann oder weniger gut. Manchmal sind sie wie
ausgewechselt, wenn sie mit bestimmten Kolleginnen/Kollegen zusammen
arbeiten. Aber das ist ja wie überall, auch an den Kassen im
Supermarkt fällt mir das immer mehr auf, manche können sich
gegenseitig aufbauen und manche ziehen sich halt gegenseitig runter.
* Bei alten und kranken
Menschen in Altenheimen, Pflegeheimen oder sogenannten Krankenhäusern sollte es
zur Gewohnheit werden, ihnen auch zwischendurch mal mit einem feuchten Tuch
Gesicht, Arme und Hände abzureiben. Das belebt und sie ziehen dabei süße
Grimassen, hihi ...
* Ich bewundere das Pflegepersonal. Schräg gegenüber vom Zimmer meines
Vaters war ein Zimmer mit einer alten Dame belegt, die den ganzen Tag
sehr energisch "Schwester" rief. Auch wenn eine Schwester neben ihr
stand, rief sie immer noch lautstark "Schwester". Nun ist sie
gestorben und die Nachfolgerin ruft immerzu "Hallo". Das ist ziemlich
anstrengend und man ertappt sich dabei, dass man anfängt dieses
Rufen nachzuahmen.
* Da ich täglich eine Stipvisite bei meinem Vater im Pflegeheim mache, bekomme
ich einiges mit, was in einer Seniorenwohnanlage so alles geschieht. Außerdem wohnt eine Tante von mir dort, bislang noch in einer
eigenen Wohnung, aber sie liebäugelt schon mit der nächsten Stufe,
einem Appartment, das ist dann ohne Küche.
Eines Tages wurden
überall Rauchmelder eingebaut und als sie sich mal ein Brötchen in einer Bratpfanne
aufrösten wollte, war sie derweil eingenickt und das Brötchen wurde schwarz, was Alarm auslöste und einen
ganzen Feuerwehrzug in Bewegung setzte. Meine Tante wurde vom Klingeln an
der Haustür geweckt und staunte über die vielen Feuerwehrmänner.
<(°) ..(....>-<. ....|| ...--
Es findet sich alles wieder an!
7.2.2006 Bericht zur Lage der Nation:
(Protokoll)
Heute morgen erhielt ich einen Anruf und dann schüttete jemand sein Herz aus.
Jeden Tag 2x besucht sie ihren Ehemann im Pflegeheim. Er ist 82 Jahre alt und
ist quasi ans Bett gefesselt. Mit einem Dauerkatheder oder wie sich das nennt
und einem immer gut sichtbaren Urinbeutel am Bett hängend. Aber die eigentliche
Ursache ihres Kummers liegt in der Scheiße begraben. Denn irgendwann ist es bei
vielen alten Menschen soweit, dass sie sich selbst "bekoten", wie es
offiziell heißt und wie wir mal in einem Vortrag erfuhren. Das wusste ich bis
dahin noch nicht. Aber es entspricht wohl der Tatsache, dass die alten Menschen
sich zurückentwickeln und irgendwie wieder zu Säuglingen werden.
In letzter Zeit war es fast täglich so, dass sie einen völlig verschmierten
Ehemann vorfand. Und selbst, wenn die Pflegekräfte ihn zurechtgemacht hatten,
hingen ihm noch Reste der Scheiße in Ohren, Nase, an den Händen und unter den
Fingernägeln sowieso. Das Personal ist völlig überfordert. Als sie gestern
morgen eine Schwester auf den Zustand der Ohren ansprach, war die Antwort, da
müsste man wohl mal Q-Tips besorgen ...
Ave Maria!
30.4.2011 - Jetzt sind 5 Jahre ins Land gegangen und er
liegt immer noch dort, allerdings hat sich das obige Problem wegen zunehmender Ungelenkigkeit
inzwischen erledigt. Zusätzlich hält er in jeder Hand ein Kuscheltier und ist somit eigentlich außer
Gefecht gesetzt. Nur in sehr großen Abständen gelang es ihm trotzdem noch mit den Schläuchen zu
spielen und den Blasenkatheter rauszureißen, die Magensonde aber noch nicht. Soweit dieser aktuelle Bericht zur Lage der Nation ...
<>
Und diesen Bericht hatte ich vor einiger
Zeit mal entdeckt: